Lesewoche in 400
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Das war nicht ich, das waren die Hormone (mit einem Text von mir)

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The Punchliner 7 (mit einem Text von mir)

punchliner 7

The Punchliner 6 (mit zwei Texten von mir)

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ZT-Buch

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Tentakel 2/2010

Tentakel 2/2010

Vielleicht wird das ja unser Sommer

Im Sommer kaufe ich mir oft körbeweise Erdbeeren im Supermarkt. Zu Hause schmeiße ich dann die Erdbeeren weg, die schon schimmeln. Den Rest wasche und viertele ich, werfe die geviertelten Erdbeeren in eine Schale und dann schütte ich ein halbes Kilo Zucker rüber und vermische alles recht entspannt. Danach verbringen die Erdbeeren einige kalte Momente im Kühlschrank, bevor ich sie wieder herausnehme, mich in den Garten setze und sie übertireben laut schmatzend verspeise. Neben mir sitzen mein Hausarzt und meine Zahnärztin für den Fall, dass es zu spontanen Zuckerschocks oder Kariesfällen kommt. Gezuckerte Erdbeeren sind eine der schönsten Erinnerungen an meine Kindheit. Obwohl ich als Kind kein großer Fan des Sommers war, denn im Sommer sind immer alle zum Schwimmen ins Freibad gefahren. Und ich konnte nicht schwimmen. Kann es immer noch nicht. Deshalb war ich im Sommer immer alleine, denn auch meine Freunde konnten es gar nicht abwarten, sich ins Becken zu schmeißen.

Angefangen hat meine Angst vor Wassermassen in der 3. Klasse der Grundschule. In einer der Sportstunden, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Hallenbad betreten. Alle anderen wussten genau, wie sie sich zu verhalten hatten also ahmte ich sie nach. Erst mal mussten wir uns alle auf die Bank setzen, die um das Becken herum gebaut war. Dann wurde über Sicherheit gesprochen. Wo unser Lehrer wirklich gepennt hat, war die Frage danach, ob alle schwimmen können. Die hat er nämlich ganz weggelassen. Deshalb habe ich auch nicht weiter drüber nachgedacht, ob man schwimmen generell erst einmal lernen muss. Wenn das alle anderen können, kann ich das auch. Ein paar Minuten später saß ich nicht mehr auf der Bank, sondern lag, knapp dem Tode entronnen auf ihr, und die Stimmung war echt unten. Nachdem ich nämlich gesehen hatte, wie alle Jungs den Weg zum sogenannten Einer antraten, um kurz darauf kreischend im glitzernden Nass zu verschwinden und an den Beckenrand zurückzuschwimmen, kam auch mein großer Auftritt. Ich stakste auf dem federnden Brett herum, bis ich am Ende ankam und schaute noch einmal zu meinen Klassenkameraden. Dann winkte ich albern und quiekte doofe rum. Ich hopste ein paar Mal auf und ab und verschwand im Wasser. Das nächste, an das ich mich erinnern kann, das sind die feisten Oberarme der Rettungsschwimmerin, die mich vom Beckenboden aufsammelt und an die Wasseroberfläche hievt. Dann kommt erst einmal nichts. Einige Momente später liege ich auf der Bank, die um das Becken herum gebaut wurde. Aber ich liege nicht einfach nur so rum, nein, ich bin plötzlich aufgebahrt wie Lenin und alle meine Klassenkameraden gehen an mir vorbei und sagen Sachen wie: „Es tut uns leid!“, „Hoffentlich geht es dir bald besser!“ und „Es war so schrecklich! “ Da ich mich an das tatsächliche Ereignis gar nicht erinnern kann, verlasse ich mich auf die Aussagen meiner ehemaligen Mitschüler. Im Nachhinein find ich die Situation aber relativ lustig und ein Bekannter, der bei diesem Vorfall dabei gewesen war hat es sogar geschafft, mich im Konzentrationslager Dachau mit der Nacherzählung dieser ersten Schwimmstunde zum Lachen zu bringen.

Einmal hatte sich ein nicht ganz so enger Freund ein Bein gebrochen und konnte auch nicht ins Freibad. Ich bewarb mich um die Stelle des „Besten Freundes“ und gewann überraschend. Ich kümmerte mich in jenen Sommerferien um meinen kranken Freund als hätte ich es gelernt. Ich machte alles für ihn. Wenn man etwas paranoid gewesen wäre, hätte man meinen können, ich hätte etwas mit dem gebrochenen Bein zu tun gehabt. Hatte ich aber nicht. Dass der Junge mich nicht mochte, machte mir nichts aus. Seine Eltern hatten ihm quasi befohlen, mich nicht all zu genervt zu behandeln. Sie waren letzten Endes froh, dass wenigstens einer für ihn da war. Jeden Morgen stand ich auf der Matte, begrüßte seine Eltern, winkte ihnen auf ihrem Weg zur Arbeit hinterher, und dann machte ich die Tür zu. Nun waren wir ganz alleine. Ich setzte ihn ans Fenster, durch das er verfolgen konnte, wie all seine richtigen Freunde ins Freibad radelten. Ich meinte, dass wenn das seine wirklich richtigen Freunde wären, sie ihn ja auch mal besuchen und auf einen witzigen Nachmittag im Freibad verzichten könnten. Das sei er ihnen aber wohl nicht wert. Schade. Das machte ihn schon ein wenig traurig, und ich bekam oft mit, wie er bei seinen Freunden anrief, und sie zu sich einlud, damit er nicht immer mit mir alleine hier herumhängen musste. Ich überhörte die kleinen Spitzen gegen mich. So ist das unter richtig guten Freunden. Je mehr man sich piesackt, desto lieber hat man sich. Etwas, das ich noch heute praktiziere. Mittags brachte uns seine Oma immer was zu essen. Sie schaute mich stets misstrauisch an, denn vor dem Unfall ihres Enkels hatte sie mich noch nie gesehen. Sie blieb zum Essen, räumte dann auf und verließ uns wieder. Nicht ohne uns eine Schüssel mit gezuckerten Erdbeeren dazulassen. Ich setzte meinen Freund in den Garten, platzierte mich daneben und dann aßen wir die gezuckerten Erdbeeren. Gezuckerte Erdbeeren. Ein prima Romantitel. Gezuckerte Erdbeeren. Die Geschichte eines Jungen, dessen Selbstaufgabe in die Geschichte einging. Ein quasidokumentarischer Roman. Die Geschichte eines Jungen, der einen Sommer lang auf sein krankes Kaninchen aufpasste, immer mit der Angst kämpfend, dass das Kaninchen diesen Sommer nicht überleben könnte. Gezuckerte Erdbeeren ist die Geschichte eines Jungen im Kalten Krieg. Ein letzter Sommer bleibt ihm, um erwachsen zu werden. Gezuckerte Erdbeeren. Werden sie jemals wieder so schmecken wie in diesem letzten Sommer?

Viele Menschen glauben einem nicht, dass man nicht schwimmen kann. Die wollen das bewiesen haben aber beweisen kann man das ja nur, indem man mit den Zweiflern auf die Nordsee hinausschippert, ins Meer springt und möglichst nicht mehr auftaucht. Das würde nämlich die ganze Show ruinieren, von wegen sich aus Coolnessgründen als Nichtschwimmer ausgeben und, schwupps, taucht man auf und alle wissen, dass man nur geflunkert hat. Richtig uncool wird es aber ganz sicher, wenn man sich bei einer Schiffskatastrophe als Nichtschwimmer ausgibt. Dann sitzt man da als einziger Mann im Rettungsboot mit den Frauen und Kindern und versucht sie mit Mundharmonikaspiel und selbstgeschnitzten Kartoffelmännchen zu beeindrucken. Man versucht alles, um darüber hinwegzuspielen, dass man hier eigentlich nicht im richtigen Boot sitzt aber sie werden alle bohrend schauen. Wenn alle erschöpft eingeschlafen sind, lässt man sich in einem unbeobachteten Moment ins Wasser plumpsen und wartet auf den Moment, in dem man den Meeresboden erreicht.

Schlimmer als mein eigentlicher Zwischenfall beim ersten Hallenbadbesuch war aber die Zeit danach. Während alle anderen immer heiklere Aufgaben im tiefen Becken des Hallenbades lösten, planschte ich, bewaffnet mit einem Styroporbrett, und an einem richtig schlimmen Tag sogar mit Schwimmflügeln, im Nichtschwimmerbecken rum. Meine Aufgabe war es, mich mit den Füßen vom Beckenrand abzustoßen und mit dem vor mir positionierten Styropording in die Weiten des Beckens zu gleiten. Als ich das mal besonders gut gemacht hatte, musste sich die gesamte Klasse am Beckenrand aufstellen und mein armseliges Gleiten angucken. Ich befand mich ganz alleine im Becken und von oben starrten mich die kindlichen Augenpaare an. Im Hintergrund stand die Frau, die mir schon einmal das Leben gerettet hatte. Ob sie zitterte? War sie schon bereit, erneut mein Leben zu retten? Hatte sie zu Hause von mir erzählt und sich lustig über mich gemacht? Ich wollte sie nicht länger warten lassen, umfasste meinen Styroporfreund, streckte die Arme aus, stieß mich mit einem Bein ab und glitt sehr elegant durch das Wasser. So elegant und dynamisch, dass ich in gefährlicher Nähe des tiefen Beckens aufhörte zu gleiten. Das gefiel allen so gut, dass sie anfingen zu klatschen und „Bravo“ zu rufen und schon damals wusste ich, dass das etwas übertrieben war, vor allem, weil ich mich ziemlich blöd angestellt habe zurück in den Nichtschwimmerteil des Beckens zu gelangen. Das war ein Herumgepaddele. Unter mir war nicht mehr der rettende Boden zu erfühlen und mich befiel eine Panik, die ich seitdem immer empfinde, wenn ich keinen Boden unter mir fühle.
Trotz aller Sticheleien und dem harten Kampf um das Recht so zu leben wie ich es will, habe ich mir geschworen niemals schwimmen zu lernen. Generationen von Schwimmlehrern haben sich an mir die Zähne ausgebissen. Selbst wenn ich es jetzt auf einmal könnte, würde ich nie ins Freibad gehen. Ich würde weiterhin behaupten, dass ich es nicht kann, auch wenn alle wispernd hinter meinem Rücken herumkreuchen und sich die Haare ausreißen, denn das ginge doch nicht, ein erwachsener Mensch, der nicht Schwimmen kann, was macht der denn, wenn er mal ein kleines Kind retten muss, das in einen Teich gefallen ist? Keine Angst, dann gehe ich ganz gemütlich weiter, kaufe mir ein Softeis und gebe einem anderen Mitmenschen Bescheid, der dann heldenmutig in den Tümpel hopsen und die medialen Lorbeeren ernten kann. Vielleicht werde ich ja in einem Nebensatz erwähnt als derjenige, der Hilfe organisiert hat. Da werden sich die Menschen ärgern, wenn die Schlagzeile lautet: „Nichtschwimmer rettet kleinen Jungen durch Kommunikation vorm Ertrinken!“

Und gerade wegen dieser unglaublichen Lockerheit, erinnere ich mich nun doch gerne an den Sommer zurück und werde noch alle genießen, die mir bevorstehen. Alle werden so schön sein wie der Sommer, in dem ich meinen besten Freund eine kleine Krankenschwester war. Ich erinnere mich daran, wie wir gespannt den Sieg des hässlichsten deutschen Tennisspielers aller Zeiten verfolgten. Wie wir zusammen die Hitparaden im Radio hörten: „Live is Life“, „You can win if you want“, „19“, „We don´t need another hero“. Wir sahen uns im Fernsehen den ersten Privatsender an und ahnten, wie schön die USA sein mussten. Im nächsten Sommer wollte niemand mehr ins Freibad. Zum einen, wollten es alle dem hässlichen Deutschen nachmachen und spielten Tennis in der Halle. Zum anderen explodierte im Frühling ein Atomkraftwerk in der Sowjetunion, und niemand traute sich mehr raus.

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