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Über Tote sprechen 2

Seit den frühesten Anfängen der Menschheit gibt es Tod. Viel hat sich da nicht geändert. Tod gibt es immer noch und nach wie vor beschäftigt er die Menschen. Schluss. Aus. Auf Wiedersehen. Danke fürs Zuhören.

Nein, natürlich war das noch nicht alles aber als abschließendes Resümee dieses Textes, werde ich den vorangegangenen Teil noch einmal wiederholen, denn was will man schon mehr über den Tod herausfinden als das?

Mehrere Aspekte machen den Tod unattraktiv. Tritt er nämlich ein, kann man nicht mehr sprechen, man kann nicht mehr einkaufen gehen und alle Bekannten und Verwandten leben meistens noch weiter, das heißt man ist ziemlich alleine, wenn Herr Tod zugeschlagen hat. Alles was man sich so angewöhnt hat, ist nicht mehr machbar und jeder, der schon mal die Arme und Beine eingegipst hatte, der weiß, wie frustrierend das sein kann. Tod ist noch mal eine Stufe härter als Gipsverbände, denn man kann nicht mal daraufhin hoffen bald wieder alleine auf Toilette gehen zu können. Der Lebende ist hier ganz klar im Vorteil. Es passiert zwar immer wieder, dass bestimmte Menschen den Tod attraktiver finden als das Leben aber die möchte ich außen vor lassen, weil sie sonst alles durcheinander brächten. So wie immer.

Insgesamt ist Tod ein rüpeliger Besucher, der immer, absolut immer im falschen Moment kommt und nicht mal auf besondere Vorlieben Rücksicht nimmt. Der beispielsweise allgemein beliebte Wunsch nach einem Tod im Schlaf, also zu einem Zeitpunkt, wenn man ihn nicht bei der Arbeit überraschen kann, ist nicht immer machbar. Schön wäre das aber wer würde dann noch schlafen gehen, wenn er wüsste, dass er im Schlaf stirbt. Nein, der Tod schlägt meist im wachen Zustand zu, allein schon, weil man sich im wachen Zustand viel eher in große Gefahren begibt. Im wachen Zustand purzelt man beispielsweise die Rolltreppe hinunter und wird böse aufgerissen, beim Elefantenfüttern im Zoo fällt einem ein dicker Ast auf den Schädel und knackt ihn oder man erstickt an einem oder mehreren Pfirsichkernen. Das kann einem im Schlaf nicht passieren, außer man hat die hamstermäßige Angewohnheit, Kerne in den Backen zu bunkern.

Der Wunsch nach dem Tod im Bett beinhaltet aber nicht nur eine Vorliebe für schmerzfreien, unbemerkten Tod, sondern auch die Angst davor, an einem Ort zu sterben wo es unangebracht oder sogar peinlich sein könnte. Wer möchte schon tot in einer Solokabine vom Sexshop gefunden werden? Wer soll den Kindern im Kindergarten erklären, was mit dem Zauberer passiert ist, der auf Ulla gefallen ist? Ein bisschen egoistisch ist es auch auf einer Beerdigung zu sterben. Das gäbe Gerede: „Typisch, der hat es einfach nicht ertragen, dass es mal nicht um ihn ging. Der hat es einfach nicht ertragen, dass er nicht im Mittelpunkt stand. Ein ganz schlimmer Typ, ich habe es ja immer gesagt.“
„Und hast du gesehen was der anhatte? Dunkelblau. Als hätte der nicht genug Geld gehabt, um sich mal was Schwarzes zu leisten. Ich weiß, die Sitten haben sich geändert aber ein bisschen mehr Respekt sollte man den Toten schon entgegenbringen. Seine Eltern waren ja auch solche Aufschneider. Immer nur schicke Autos aber zu Hause dann die Kinder prügeln. Na, wenigstens ist er jetzt auch tot.“

Ein weiterer Vorteil vom Tod im Bett ist, dass man sich, wenn man aufwacht, einfach noch mal umdrehen und weiterschlafen kann. Vielleicht sollte sich einfach jeder darauf einstellen, nicht im Schlaf zu sterben, dann ist die Überraschung größer, wenn es doch passiert. Dann finden einen die Verwandten oder Lebenspartner und ab und zu zuckt noch mal ein Arm oder der Mund und sie denken, man schläft nur sehr, sehr tief aber das Zucken gehört zum Herunterfahren des Körpers, es sind sozusagen die Hidden Tracks des Lebens, um mal Begriffe aus dem Computer- und Tonträgerjargon zu verwenden.
Danach geht aber auch schon alles sehr schnell. Bestatter kommt, nimmt Bestellung auf, Bestatter geht und vier Tage später stehen alle um eine Grube herum und schmeißen Sand auf die Kiste, in der man nun verwest, verfault, von Maden, Käfern und Würmern zerfressen und verdaut wird. Hört sich nicht schön an und das ist es auch nicht.

Ob man nun als Seele, Nebel oder Kraftfeld weiterexistiert, das weiß ich nicht, hoffe aber, dass es nicht so ist und ich endlich mal meine Ruhe habe. Auch wenn’s total schön wäre alle bei ihrer Trauer zu beobachten, mitzubekommen, wie sie einen vermissen. Aber danach geht das Leben weiter und 2 Monate später ist man nicht mehr als der lästige Ort auf dem Friedhof, der gepflegt, begrünt, gewässert und besucht werden will. Das möchte ich nicht mitbekommen.

Vor allem möchte ich auf keinen Fall wiedergeboren werden. Ich kann mir nicht vorstellen, wer sich ernsthaft wünscht, wiedergeboren zu werden. In diesem Leben hatte ich relativ viel Glück. Ich bin in Europa geboren, hatte nie Hunger zu leiden, wurde kaum kriminell, hatte immer gute Freunde, eine tolle Familie und mein Tod war ganz OK, auch wenn ich das noch gar nicht weiß. Wenn ich nun in Mexiko City noch mal auf die Welt käme und da nicht in einem superteuren Superhotel, in dem meine Mutter, die Königin eines wunderbaren Zauberlandes gerade Hummer bestellt, sondern wie in Mexiko City üblich auf einer Mülldeponie und ich wüsste um mein jetziges Leben, würde ich durchdrehen. Wiedergeburt? Ohne mich. Nie wieder.
Die Hinterbliebenen haben erst mal ein ganz anderes Problem. Was mit dem Zeug anstellen, das der Entschlafene hinterlassen hat? Kronkorken aus aller Herren Länder, Schränke voller Vogelspinnen oder Keller, die bis zur Decke mit Andenken an ein Leben voller Abenteuer gefüllt sind. Anfangen kann man mit dem Zeug gar nichts aber man lässt es nach Möglichkeit erst mal da wo es ist oder schlimmer noch, man nimmt es mit zu sich nach Hause. Und dort fängt es dann an zu spuken, weil die Toten so an diesen Sachen hängen, dass sie vorbeikommen, um einen Blick auf sie zu werfen. Dabei passiert allerhand Gruseliges: Schritte auf dem Dachboden, es klopft ununterbrochen an Türen, die Kinder sehen Gesichter durch die Wände kommen, all der Stoff aus dem Amerika gemacht ist. Wenn man nun das Gerümpel auf die Deponie bringt, fängt der Spuk erst richtig an, denn Geister können ganz schön unangenehm werden.

Ich werde niemals toter Leute Dinge in meine Wohnung holen. Ich hab jetzt schon ständig das Gefühl, von Toten verfolgt zu werden. Ich kaufe mir nicht mal was auf dem Flohmarkt, weil ich Angst davor habe, dass mittellose Verwandte eines gerade Verstorbenen sein Hab und Gut verticken. Dann sitz ich da in meiner neu erstandenen Weltkriegsuniform von 1916 und über mir fliegt der tote Opa. Das will ich nicht, das macht mir Angst.

Ich mache mir oft Gedanken was mit meinen Sachen passiert, denn ich hänge sehr an irdischen Gütern, schließlich hab ich für sie bezahlt. Ich gebe es zu, ich bin absolut materialistisch eingestellt. Und natürlich, nach dem Tod ist höchstwahrscheinlich nichts, deshalb könnte es mir egal sein aber selbst, wenn es mir nach dem Tod egal ist, so bereitet es mir jetzt Kopfzerbrechen und ich verteile meine Besitztümer schon mal unter guten Freunden und Verwandten. Das Problem ist, dass sich gute Freunde die Klinke in die Hand geben. Jemand dem ich heute noch meine 20.000 CDs oder Einkünfte aus hunderttausend verkaufter Bücher vermachen würde, kann Morgen schon leer ausgehen, weil er ein blödes Kleidungsstück getragen hat. Den Rest meiner Sachen, die ich für niemand anderen vorgesehen habe, bitte ich getrost wegzuschmeißen. Genauso wie mich. Irgendwohin. Oder auf den Friedhof. Wenn es sein muss auch auf den Friedhof. So wie es schon unsere Vorfahren gemacht haben. Ab in die Erde. So wie vor 30 Jahren.

Viel hat sich seitdem nicht geändert. Tod gibt es immer noch und nach wie vor beschäftigt er die Menschen. Schluss. Aus. Auf Wiedersehen. Danke fürs Zuhören.

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