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Mein erstes Buch

Mein erstes Buch

Die CD

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Sex 2

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The Punchliner

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ZT-Buch

ZT-Buch

Gucken und Tasten

Ich trage im Winter hochgradig synthetische Strickpullover von C&A. Wenn ich die abends über den Kopf ziehe, dann knistert es Besorgnis erregend und meine Haare bilden einen albernen Haaratompilz. Hätte ich einen festen Freund, dann würde ich das an jedem Winterabend zu seiner Belustigung machen. Wir würden kichern, uns kabbeln und bald würde nicht nur der synthetische Pulli knistern. Die gesamte Atmosphäre wäre aufgeladen und es würden wilde Dinge passieren. Dinge, die einiges voraussetzen: Vertrauen, Liebe und bestimmte Artikel aus dem Heimwerkermarkt. Leider will niemand mein fester Freund sein. Vielleicht, weil ich diese schlimmen Elektropullover trage. Was anderes steht mir auch gar nicht. Sobald ich auch nur mal ansatzweise einer Mode verfalle ist sie schon wieder vorbei. Wenn ich eine Frau wäre, ja dann würde ich Sachen ausprobieren. Frauen können mit Mode viel besser umgehen. Viel natürlicher. Das ist so, als wäre das bei denen in den Genen drin. Ganz tief. Das erste was ich als Frau machen würde wäre folgendes: Ich kaufte mir ein bis zum Boden reichendes, lilafarbenes, großmaschiges Strickkleid. Darunter trüge ich, nun, nur Gott und ich wüssten, was ich darunter trüge. Nur so viel dazu: Die Wörter Freiheit und Schaukel bekämen eine völlig neue Bedeutung. Dazu würde ein prächtiger, goldfarbener Plastikgürtel das Strickkleid verschönern. So eingekleidet würde ich ganz langsam durch die Stadt schreiten und alle Männer ganz verwegen anstarren. Sobald sie aber reagieren würden, drehte ich den Kopf weg und versteckte mich hinter einem Mauervorsprung. Dort wartete ich und lugte ein-, zweimal vorsichtig hervor bis der zuvor angestarrte Mann weg wäre. Dann würde ich es wiederholen. Den ganzen Tag würde ich das machen. Ich stelle mir das unglaublich erotisch vor. Eine transvestitische Ader lasse ich mir allerdings nicht andichten.

Vom Typ her wäre ich wohl eine Mischung aus Iris Berben und Hannelore Elsner. Reif wäre ich, ja, aber meine Haut sähe toll aus und dann die schönen schwarzen Haare. Diese vollen, schwarzen Haare. Auf keinen Fall wäre ich ein Veronica Ferres-Typ, so ein Vollweib mit großem Busen. Ich bin kein großer-Busen-Typ.

Da ich nicht viel Geld hätte – das ändert sich ja nicht, nur weil ich plötzlich Frau bin – wäre es wohl ein billiges bodenlanges Strickkleid von C&A, das heißt, wenn ich es auszöge würde es wieder unglaublich knistern. Der Staub der letzten Jahre würde von den Regalen angezogen und an meinem elektrisierten Körper haften. Egal, ich hätte wohl auch als Frau keinen festen Freund.

Am Frausein würde mich noch mehr interessieren. Frauen haben beispielsweise eine dem Mann ähnliche, jedoch mit kleinen Unterschieden bedachte Anatomie. Da würde ich erst mal den ganzen Tag nackt vorm Spiegel stehen und gucken und tasten. Gucken und tasten. Gucken und tasten. Wenn dann alles ausführlich beguckt und betastet worden wäre hätte ich mit Sicherheit Angst vor einer Schwangerschaft. Die hab ich ja schon als Mann. Nein, soviel Interesse ist dann doch nicht vorhanden. Ein Kind möchte ich nicht bekommen. Mir reicht schon Phantasieschmerz, dafür muss ich nicht ernsthaft gebären. Ich stelle mir das so ähnlich vor wie ein von einer Handgranate weggefetztes Bein in den Gräben des 1. Weltkrieges. Und das Bein fetzt aber nicht so schnell weg, sondern so ganz langsam, so 3 Tage lang. Also fetzen ist für solch einen langsamen Vorgang wohl das falsche Wort. Vom Schmerz her ist es schon eher fetzen und von der Ästhetik her ist es auch fetzen aber irgendwie langsamer. Ein langsames Fetzen. Das hab ich auch noch nie erlebt. Und ich möchte es auch nicht erleben. Wer sich also denkt, er könne mich mit einer Geburt überraschen, dem kann ich hier und heute sagen, dass das keine gute Überraschung wird. Ich hätte ja aber nicht nur Angst. Ich würde zum Beispiel noch ausprobieren, ob Frauen wirklich schlechter Autofahren als Männer. Ich würde dafür alle deutschen Fernsehcomedians in einer Reihe aufstellen und punktgenaues Bremsen üben.

Ach, ich sehe mich schon in meinem Strickkleid durch die Welt wandern. Überall würde man mich erkennen, denn ich wäre die Frau mit dem bodenlangen Strickkleid. Und irgendwann wäre es auch mal wieder vorbei. Man kann ja nicht immer Frau bleiben. Gerade wenn man gar keine ist. Aber man sollte sich als moderner Mann ruhig mal in die Lage der Frauen versetzen. Ich mach das schon mein Leben lang. Das hat mir geholfen. Mit Sicherheit wäre ich heute nicht so selbstbewusst und würde erzählen, dass ich als 15jähriger einige Wochen mit der Angst lebte, Brustkrebs zu haben, denn in irgendeinem Fach wurde mal kurz darüber gesprochen. Prompt fühlte ich Knötchen. Ich sprach sogar meine Biologielehrerin darauf an aber die hat nur herzhaft gelacht und dann böse geguckt. Ich schämte mich ein wenig, so offen über meine Ängste gesprochen zu haben. Seitdem gehe ich auch nicht mehr zum Arzt, weil ich Angst davor habe, ausgelacht zu werden. Brustkrebs hab ich nicht bekommen.

Letztens allerdings las ich, dass Brustkrebs bei Männern durchaus nicht so ungewöhnlich sei. Das ist wie mit Herzinfarkt. Da glauben auch alle, dass den nur Männer bekommen. Aber den kriegen auch Frauen. Ich krieg wahrscheinlich beides, wenn ich nicht langsam mal zum Arzt gehe. Mir bleibt auch nichts erspart. Wenn ich bis dahin einen festen Freund habe, wird der bestimmt nur sagen, dass ich einen Herzinfarkt hatte, den Brustkrebs wird er verschweigen. Was nicht heißen soll, dass Herzinfarkt tatsächlich cooler wäre als Brustkrebs. Hab ja aber noch keinen festen Freund. Vielleicht liegt es daran, wie ich potenzielle Kandidaten anspreche. Ich versuche es mal annähernd realistisch wiederzugeben. Meistens guck ich auf den Boden oder an dem Angesprochenen vorbei. Ich erinnere mich beispielsweise an mehrere Minuten starren Blickes auf das Unigebäude, während vor mir ein von mir angehimmelter junger Herr sich folgendes oder in Ansätzen ähnliches anhören musste:

„Also, ja, wie sag ich´s jetzt am besten, also, du hast vielleicht schon mitbekommen…und ich würde gerne fragen, ob…ob die vielleicht 40%ige Möglichkeit, dass ich, dass wir mal zum Kennenlernen oder Essen und später dann…ja, weiß ich jetzt auch nicht, damit wir uns kennenlernen können, mal, weil ich bin eher so mit Männern, also Frauen find ich toll, Gott bewahre, ich würde nie eine Frau erschießen aber ich könnte mir eher vorstellen mit jemanden wie dir, wenn du Zeit hast, muss aber auch nicht sofort, so wie du am besten kannst, wenn´s dir irgendwann passt. Ich heiße übrigens Sacha, das ist auch ein Frauenname.“

Ein weiterer Grund, weshalb ich wohl noch keinen festen Freund habe mag sein, dass ich mich hauptsächlich in Männer vergucke, die der Norm entsprechend gepolt sind. Das ist mein besonderer Tick. Damit kann ich zu „Wetten, dass…?“ gehen. 100 Männer, 99 davon schwul, einer heterosexuell. Den such ich raus, weil ich ihn toll finde. Da hab ich eine Nase für. Wenn ich all die Männer, die ich damit schon genervt habe auf ein Getränk einladen würde wäre das ein teures Vergnügen, wobei es mit Sicherheit doch kein Vergnügen wäre. Die meisten reagieren aber ganz nett. Ich wurde noch nie mit einem Messer attackiert oder mit einem Auto angefahren. Mit einigen der Herren habe ich sogar Freundschaft geschlossen, na, und was ist denn wichtiger als Freundschaft? Obwohl: einmal gab es doch böse Blicke. Wenn man mich mal durch die Stadt gehen sieht, und ganz genau hinhört, wird man mich die folgende Eselsbrücke runterbeten hören:

„Ich stehe zwar auf Möbelpacker,
doch viele sind nur Pöbelmacker.“

Meine schönste Abfuhr bekam ich mal in einer Disco, die monatlich ein schwules Event veranstaltet. Ich hatte mich dann doch mal in einen verguckt, von dem ich ausgehen konnte, dass er gestrickt war wie ich. Er hatte immer viele hübsche Jungs um sich herumstehen, er war wohl ein Anführertyp. Ich habe ihn die nächsten 6 Monate angestarrt. Natürlich nicht durchgehend, sondern immer wenn die Disco ihren Minderheitentag hatte. Er bekam das mit und grinste wissend, wenn er an mir vorbeiging. Eines Abends nahm ich all meinen Mut zusammen, stellte mich ihm in den Weg und sagte etwas, nun, nicht ganz so Verqueres wie oben angeführt. Er guckte etwas betrunken in mein Gesicht und antwortete:

„Ich such mir meine Jungs selber aus!“

Dann gab er mir einige liebgemeinte Patscher auf die Wange. Sollte das heißen, dass er mich für einen Jungen hielt? Ich war verwirrt. Ich trug damals noch keinen Bart und ohne Bart sehe ich schon 15 Jahre jünger aus. Mit Bart sehe ich allerdings aus wie ein Taliban. Auch diesen Namen bekam ich in der sogenannten Szene. Die werden sich noch wundern.

Mein ehemaliger Schwarm kam mir in der Stadt mal auf Inlinerskates entgegen und ich war froh, dass das mit uns nichts geworden war. Er wackelte unglaublich dämlich hin und her. Nach längerer Überlegung wurde mir jedoch klar, dass ich lernen musste in einer Beziehung auch die unangenehmen Dinge mitzunehmen. Wenn der jetzt an dem Abend vor lauter Freude umgefallen wäre, weil ich ihn endlich angesprochen hätte, dann hätte er mir eines Sommertages neonfarbene Partner-Inliner vor die Nase gehalten und wir wären gemeinsam durch die Stadt gewackelt. Da hätte ich dann auch nichts mehr ändern können. Man kann halt die unangenehmen Sachen nicht weglassen. Doofe Hobbys, Tanzschritte und Meinungen, all das gehört zum Partner dazu und ich hab ja auch die eine oder andere Macke. Das mit den Elektropullis zum Beispiel. Doch, doch, ich will da gar nicht so tun, als sei ich perfekt. Das sollen besser andere für mich machen.

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