Den Akt des Thematisierens thematisieren
Einige erinnern sich vielleicht daran, dass ich ihn - meinen Bart - schon mal zum Thema gemacht habe. Ich dachte eigentlich, dass damit alles geklärt gewesen wäre. Doch nach wie vor versammeln sich Menschen aller Herren Länder um ihn herum und ziehen an ihm. Wo kommt er her? Warum kam er überhaupt? Sie wollen seine Geschichte hören. Deshalb hier noch mal, abschließend quasi, der Text zu meinem Bart. Es ist nachweislich erst das dritte Mal, dass ich ihn in einem Text thematisiere, aber selbst, wenn ich nur noch Barttexte schreiben würde, wäre das meine Sache. Klar, vielleicht bin ich dann auf Lesungen immer alleine, weil sich das Publikum denkt: „Och, nööö, der schon wieder mit seinen Fuselbarttexten.“ Aber wie jeder Schriftsteller habe auch ich meine Sujets. Kafka schrieb immer über sein Ausgeliefertsein und Häschen, Heinrich Böll immer über Deutschland in Zeiten der Restauration und ich schreibe halt, was ja aber bisher, das bitte ich zu beachten, nicht stimmt, etwas über meinen Bart. So, das war´s.
Mein Bart hat immer im April Geburtstag, denn im April 2003 hörte ich auf mich zu rasieren. Das haben schon viele Männer vor mir gemacht. Nicht in meinem Gesicht zwar, aber in ihren eigenen Gesichtern. Bis dahin habe ich gedacht, dass ich keinen Bartwuchs hätte. Jedenfalls keinen, der dann auch tatsächlich einen Bart machen würde. Doch schnell war klar: da ist ein Bart. Er hat keinen Namen. Nur eine Adresse. Er wird niemals umziehen. Selbst, wenn ich ihn mal wegmachen würde, wozu mir einige radikale Freunde und Freundinnen ununterbrochen raten, wird er immer wiederkommen können, denn einen fremden Bart würde ich mir nie ins Gesicht pflanzen lassen. Ich bin auch in dieser Hinsicht ein sehr treuer Mensch. Nie soll mir was Fremdes ins Gesicht gepflanzt werden. Nicht solange ich es verhindern kann. Hoffentlich brauche ich nie eine neue künstliche Nase. Irgendjemand wird sich mit Sicherheit an diesen Text erinnern, was an sich schon eine lustige Behauptung ist, und mir vorwerfen, dass ich gerade so schreibe wie es mir passt und keine Prinzipien hätte. Ich solle mal Böll lesen, der hat immer Prinzipien gehabt. „Ja, ja“, werde ich dann entgegnen, „aber Böll war auch ein alter Muffelkopp mit Hang zur ungewollten Verklärung Deutschlands in Zeiten der Restauration.“ Auch hier wird das Ergebnis sein, dass niemand mehr zu meinen Lesungen kommen wird. „Als er noch seine langweiligen Barttexte geschrieben hat, da habe ich ja noch zu ihm gehalten. Aber jetzt, mit dieser neuen Nase in seinem Gesicht…das mach ich nicht mehr mit. Der glaubt wohl, der kann alles mit seinen Fans machen.“
Ich trage einen Vollbart. Für alle, die das nicht sehen können, weil sie diesen Text vielleicht gerade in der neuen französischen Vogue lesen. Ein Vollbart ist ein Bart, der weite Teile der unteren Gesichtspartie bedeckt. Es gibt Vollbärte, die ganze Wangenpartien bis kurz unter die Augen bedecken. Es soll gar Vollbärte geben, die bis an die untere Stirnpartie herankommen und es soll sogar, aber ich traue mich kaum, das zu sagen, es soll sogar Bärte geben, die ganze Gesichter und den Kopf bedecken. Die Männer haben dann keine normalen Haare auf dem Kopf, sondern überall Bart. Ich könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass in einem verschneiten Dorf in den Pyrenäen ein alter Zausel lebt, dessen gesamter Körper vollständig mit Bart bedeckt ist. So weit würde ich gehen, wenn ich nicht wüsste, dass es eine Lüge wäre. Und wenn das Publikum eines nicht mag, dann ist es angelogen zu werden. Gerade in einer Publikation wie der neuen französischen Vogue.
Ich trage einen Vollbart, weil er am wenigsten Arbeit macht. „Was?“ höre ich da eine besondere Schönheit vom Lande aus dem Publikum rufen: „Ein Vollbart soll am wenigsten Arbeit machen? Aber der ist doch so riesig flächendeckend. Es soll da einen alten Zausel in Pirmasens geben…“
„Ja, ja, geehrte Schönheit vom Lande, das mit dem Zausel aus Pirmasens haben sie bei mir gehört bzw. in der neuen französischen Vogue gelesen, auch wenn ich, Entschuldigen Sie, wenn ich das so offen sage, nicht glaube, dass Sie auch nur ein Wort Französisch lesen können. Ihrem Aussehen nach waren Sie wohl eher ein junges Mädchen, das der Ausrichtung der Schule bedingt wegen sagen musste: Ich hab Hauswirtschaft nicht gemacht, kann ich bei jemandem abpinnen? Ich kann Sie mir nicht in den leckeren Hallen eines Gymnasiums vorstellen, in denen Sie schwitzend herumstolpern und meinen: „Je serais d´accord pour essayer de vivre sans télé.“ (Ich wäre damit einverstanden, wenn wir versuchten, ohne Fernseher zu leben.)
Und um auf den Anfang dieses Absatzes zurückzukommen: Ja, ein Vollbart macht fast überhaupt keine Arbeit. Man lässt ihn wachsen, dann macht man ihn alle paar Wochen wieder schön kurz und dann kann er wieder wachsen, und dann macht man ihn wieder kurz, man kann da seiner Vorliebe für unterschiedliche Längen freien Lauf lassen, und dann lässt man ihn wieder wachsen und sie können auch hier ihrer Vorliebe für unterschiedliche Längen freien Lauf lassen. Sie können sich also einen doppelten Spaß an Länge erlauben. Egal, was Sie mit dem Bart anstellen. Welches andere Körperteil bietet Ihnen noch diesen wunderbaren Vorzug? Natürlich muss man hin und wieder die Stellen rasieren, an denen man keinen Vollbart haben möchte. Ich erwähnte anfangs schon Stellen, die auch ein Vollbart nicht bedecken sollte. Die Wangen und den Hals kann man getrost blank scheren. Aber auch das ist schnell bewerkstelligt.
Alle anderen Bärte sind in Pflege und Wucheranfälligkeit viel schwieriger zu meistern. Immer muss mit einer speziellen Zwieselhaarschere das Unkraut herausgezupft werden, ununterbrochen muss man sein Gesicht den unmenschlichen Klingen ausliefern, was bei vielen Nutzern zu unangenehmen Rötungen, Schwellungen und sogar Reiznarbenabszessen führen kann. Nicht so beim Vollbart. Wenn man ihn regelmäßig shampooniert und gründlich ausspült, bleibt er lange angenehm und ohne Abszesse. Außerdem ist es ein nicht zu unterschätzendes Erlebnis, einen frischgewaschenen, fluffigen Vollbart zu betatschen. Auch sollte man ihn regelmäßig kämmen, sonst verschließt er sich und wird hölzern wie ein Mammutbaum. Geschehen sollte dies mit einem eigenen Bartkamm aus Mahagoni, Elfenbein oder Tigerpfote. Es muss leider aus einem Material sein, das zu einer vom Aussterben bedrohten Art gehört. Das heißt nicht, dass wenn Quallen mal vom Aussterben bedroht sein sollten, ein Kamm aus Qualle durch den Bart gleiten muss. Doch zurück zum eigentlichen Punkt. Das Fett, das nämlich vom Haupthaar produziert wird, ist Gift für unseren Freund: den Bart. Und dieses Fett heftet sich nur allzu gerne an die Zacken des gewöhnlichen Kammes. Wenn man nun mit diesen Zacken durch den Bart geht, kann es durchaus passieren, dass er anfängt zu schmoren. Das ist, auch wenn es Vertreter dieser Ansicht gibt, nicht die Aufgabe eines Bartes. Der Bart sollte auf keinen Fall anfangen zu schmoren. Das führt nicht nur zur Verletzung einiger Bartbereiche, sondern auch dazu, dass man wild herumrennt und sich auf den Bart haut, vielleicht sogar, wenn man keine absolute Körperkontrolle hat, ins gesamte Gesicht. Der Vollbart ist ein geselliger Typ mit viel Zeit und Ruhe. Er ist gerngesehen in seiner Stammkneipe, weil alle sagen: „Du, da ist der Rudi, jetzt gibt es eine lehrreiche Lektion in Sachen Ruhe und Gelassenheit.“ Ich hatte schon angemerkt, dass mein Bart keinen Namen trägt. Der Rudi aus dem letzten Satz ist ein genereller Rudi. Der Rudi in uns allen.
Gerade erreicht mich ein Telegramm aus Prag. Da steht: „Wie geht denn Ihre spannende Bartgeschichte weiter?“ Ich will es euch erzählen.
In den Tagebüchern, die ich schon als Kind geschrieben habe, erwähne ich oft Bärte. Unzählige Bilder, aus Magazinen ausgeschnitten, auf ihnen nichts anderes zu sehen als Männer mit Bärten liegen zwischen den Seiten. Wie im Wahn sammelte ich diese Bilder. Keines entkam meiner Schere. Ich war ein solch auf Bärte fixiertes Kind, dass es fast schon fragwürdig ist, ob die Tagebücher tatsächlich aus meiner Kindheit stammen. Wissenschaftler untersuchen Sie gerade, und es kann durchaus sein, dass ich auf gefälschten Tagebüchern sitze. Die meisten Kinder mit denen ich so abhänge und rumchille, finden Bärte doof, einige weinen gar, wenn sie mich sehen. Deshalb ist an ein gemütliches Abhängen und Rumchillen nicht zu denken. Einige Kids reagieren seltsamerweise erst auf den Bart, wenn man sie auf ihn aufmerksam macht. Ein witziges Phänomen. Da kümmere ich mich stundenlang um die Kinder von Bekannten, weil die mal wieder ihr Triebleben auf Vordermann bringen wollen, und dann kommen die wieder, fragen, ob alles gutgelaufen sei und dann erwähnt der weibliche Teil des Paares eher nebenbei gegenüber seiner Tochter: „Na, und ich hatte schon gedacht, dass du Angst vor Sachas Bart hast“, und in genau diesem Moment fällt dem Mädchen ein, dass es ganz sicher Angst vor Sachas Bart hat und heult wie eine kleine Robbe, der die Axt des Pelzjägers im Kopf steckt. Das verstehe ich nicht.
Apropos Triebleben, ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich andeute, dass Bartträger die beleibteren, Entschuldigung, natürlich die beliebteren Triebpartner sind. Das muss aber jeder für sich selber rausfinden. Ich möchte da nicht mal zweideutige Andeutungen machen aber es gibt Dinge, die, wenn sie ein glattrasiertes Bürschchen macht, nicht mal ansatzweise so fantastisch sind, wie wenn von einem bewachsenen Bürschchen ausgeführt. Wer mehr wissen möchte, sollte unbedingt meine Seminare in der Erotik-VHS besuchen. Einige Plätze im Seminar „100 kreative Ideen für Männer mit Bart, die denken ihr Gesicht sei ein Sitzmöbel“ sind noch frei.
Ich habe mal eine Mail von jemandem bekommen, der mir einen Dollar für jedes Bild zahlen wollte, dass ich ihm von meinem wachsenden Bart schicken sollte. Das fand ich verrückt. Ich kannte den nicht. Der hat mich irgendwo im Netz aufgegabelt und mir geschrieben. Er wird nicht nur mir geschrieben haben. Da bin ich ihm aber nicht böse. Fetische treiben einen zu den unsagbarsten Dingen.
Ich bin da nicht so radikal. Ich könnte auch mit jemandem zusammenleben, der keinen Bart hat. Ich könnte ja schon mit jemandem zusammen leben, der sich vorstellen könnte mit mir zusammen zu leben. Man kann da ja auch niemanden zu zwingen. Aber sollte ich bemerken, dass er einen guten Bartwuchs hat, werde ich sicherlich immer nur stumpfe Klingen in der Wohnung verteilen. Also nicht in der ganzen Wohnung, sondern hauptsächlich dort, wo er sich rasieren würde. Und im Bad vielleicht auch. Aber das stimmt nicht. Eigentlich muss derjenige schon einen Bart haben. Von mir aus kann er arbeitslos sein, Heinrich Böll für einen Allergologen halten und kein Wort Französisch sprechen können, Hauptsache, er hat einen Bart. Und das ist auch die kleine Message, die dieser Text haben soll. Männer mit Vollbärten sind die besten Männer auf der Welt. Alle anderen würde ich nicht mal wagen, Männer zu nennen. Männer vielleicht in Anführungszeichen. Aber in sehr großen Anführungszeichen, damit niemand auf die Idee kommt, es handele sich doch um Männer, trotz der Anführungszeichen.




