Am Ende des Regenbogens
Seit fast drei Monaten steht er auf der Fensterbank. Tinas teurer Edelstahltopf. Vor genau drei Monaten haben wir angefangen meine neue Wohnung zu renovieren. Und Tina hatte die wunderbare Idee, einen Kartoffelsalat für den ersten Renovierungstag zu machen. Da haben alle zugestimmt, und sich auf den Kartoffelsalat gefreut. Einige haben sich mit der Zunge die Lippen geleckt und sich die Bäuche gerieben, andere grunzten laut und sprachen von nichts anderem als diesem Kartoffelsalat. Es war wie im Mittelalter.
Dann ging es los. Dicke Schichten Tapete abreißen, den ersten Raum streichen, Löcher zuspachteln, mit Farbe herumklecksen, es war wie ein Tag im Disneyland. Irgendwann mussten wir was essen. Also alle in die Küche, Kartoffelsalat essen. Hm, war der lecker. Alle ließen es sich schmecken und stöhnten erotisiert auf, denn die Kartoffeln waren so toll, und die Mayonnaise war ein Gedicht und der Rest war auch großartig, es war wie ein Tag auf dem Wochenmarkt.
Trotz großen Hungers blieben Reste übrig. Die ließen wir erst mal im Topf und den Topf ließen wir auf der Fensterbank stehen. Und so vergingen die Tage. Wir renovierten emsig, Volker schnitt, versehentlich wie er immer noch beteuert, die Telefonleitung durch, Stefanie malte eine Wand rot an, woher hatte sie nur die Farbe?, ich zog ein, verstaute alle wichtigen Dinge, der Mann von der Telekom kam, klebte die beiden Teile der Leitung wieder zusammen, und dann entdeckte ich eher zufällig Tinas teuren Edelstahltopf. Erst dachte ich, toll, ein Edelstahltopf, doch dann erinnerte ich mich an den Kartoffelsalat. Daran, wie er vor drei Monaten aussah. Dann hob ich den Deckel hoch und erschrak. Ich knallte den Deckel wieder auf den Topf, kauerte mich in eine Ecke und starrte zitternd auf den Topf. Zwei Wochen lang. Von außen sah er ganz normal aus. Wenn ich ihn in einer Bar kennen gelernt hätte, dann wäre ich nie auf die Idee gekommen, wie gefährlich sein Inhalt sein würde. Man nimmt ja immer wieder mal jemanden mit, der außen herum toll aussieht aber erst später, wenn man mit Salben und Pillen behandelt wird, dann weiß man, dass der innerlich schon tot war. So ähnlich ging es mir mit dem Topf. Den wollte ich nicht mehr in der neuen Wohnung haben. Ich rief Tina an, die solle mal ihren Topf abholen. Der nervt.
Natürlich wollte sie wissen, ob ich ihn schon saubergemacht hatte. Klaro, flötete ich wenig überzeugend in den Hörer und legte schnell auf. Ich soll den saubermachen? Das ist doch ihr Topf und vor allem ihr Kartoffelsalat. Was für eine ungerechte Welt. Aber es gab kein Zurück. Tina wollte jetzt ihren Topf wiederhaben und zwar sauber.
Einer der Gründe weshalb ich den Topf erst so spät entdeckt hatte war, dass die Küche auch nach drei Monaten immer noch nicht ganz fertig eingerichtet ist. Es stehen noch Umzugskartons herum, die Spüle ist auch noch nicht richtig angekommen, hier stehen Stühle, dort technische Geräte, es ist ein Durcheinander, das es noch zu bändigen gilt. Deshalb fiel mir auch der Topf nicht auf. Wenn der Topf in meinem neuen Schlafzimmer gestanden hätte, dann wäre ich da schon vor zwei Monaten drüber gestolpert, denn mein Schlafzimmer hatte ich bereits am ersten Tag fertig eingerichtet. Aber wer ahnt denn, dass sich Gruseltöpfe in der Küche verstecken?
Ich ging durch das Zimmer, das von nun an mein Wohn-/Arbeitszimmer ist, dann den langen Flur entlang, durch den grünen Salon, die Bibliothek, das Hundezimmer, das Vestibül, hinauf in die erste Etage, die aber ungenutzt bleibt, wieder hinunter durch das Gäste WC, die kleine Kapelle im griechisch-orthodoxen Stil, die Bedienstetenunterkünfte und dann war ich auch schon in der Küche. Nicht schlecht, was man heute für 200 Euro Warmmiete bekommen kann, wenn man nur lange genug sucht. Eine tolle Wohnung mit tollen Nachbarn. Es ist ein bisschen gruselig, denn ich kenne die schon alle eine geraume Zeit aus anderen Zusammenhängen. Sie sind alle sehr nett und haben gesagt, dass sie es toll finden, dass ich jetzt in der Wohnung wohne. Das ist sehr schön, denn normalerweise kommt man ja in ein neues Haus und muss erst mal buckeln, damit die Leute einen akzeptieren. Nicht so hier. Ich bin gleich in der Hausgemeinschaft. Nur ab und zu hat es etwas von der teuflischen Stimmung im Kultfilm „Rosemarys Baby“, denn man begegnet immer netten Leuten, und die wissen, wann man letzten Samstag nach Hause gekommen ist. Zum Glück bin ich nicht schwanger. Ich habe den Richtigen einfach noch nicht getroffen. Schöner ausdrücken kann es nur Vera Int-Veen. Die hatte mal eine Sendung, in der sie einer mittellosen Familie ein Haus auf die Wiese gestellt hat. Am Ende spricht Vera mit einer der kleinen Töchter der mittellosen Familie.
Vera: Na, wie findest du das Haus?
Mädchen: Schön.
Vera: Und weißt du was ein Haus noch viel schöner macht?
Mädchen zuckt mit den Achseln.
Vera: Die Menschen, die in dem Haus leben.
Wie gesagt, die Küche ist auch nach drei Monaten noch Baustelle. Das liegt daran, dass ich auf Küche nicht viel Wert lege. Ich koche kaum, und wenn doch, dann nur Dinge aus der Dose oder neuerdings Salate. Aber das ist kein richtiges Kochen. Deshalb scheint es mir nur plausibel, dass all der Kram, der noch keinen Platz hat, seinen Platz in der Küche findet. Sollten sich mal die Pet Shop Boys ankündigen, um einen gemütlichen Kochabend mit mir zu verbringen, räume ich vorher auf aber so lang das nicht passiert, wird die Küche weiterhin Abstellkammer bleiben. Und sie ist eine gute Abstellkammer, denn sie ist irre groß. Für meine Verhältnisse viel zu groß. Man kann sogar gemütlich in ihr sitzen. Wenn man einen Tisch und Stühle hat. Bisher hatte ich nur Küchen, in denen eine Herdplatte auf dem Boden stand und in einer Ecke ein Rohr aus der Wand kam, mit dessen Wasser ich den Topf säubern konnte, den ich zum Erhitzen der Dosenmahlzeit benötigte. Jetzt habe ich eine Küche, in der man sitzen kann. Das find ich ziemlich bürgerlich. Aber ich habe ja auch zum ersten Mal eine Trennung zwischen Arbeits- und Schlafzimmer. So wie Götz George.
Und Götz George wäre jetzt sicherlich eine große Hilfe gewesen, denn ich hob mehrmals den Deckel des Topfes hoch, schaute in den schillernden Flauschsalat, und packte den Deckel wieder auf den Topf. Vielleicht sollte ich den Topf so wie er war bei Tina vor die Tür stellen und abhauen. Sie würde sich ja wohl nicht die Arbeit machen und den erst wieder hierher zurückbringen, damit ich den saubermache. Die würde den selber saubermachen. Ein paar Tage wäre sie sauer aber ich könnte eine Geschichte erfinden, weshalb der Topf da plötzlich stand, das kann ich doch so gut. Mir fiel aber auf die Schnelle keine Geschichte ein. Ich hob den Deckel. Ich ließ ihn wieder runter. Selbst die Pet Shop Boys wären weniger zaghaft gewesen. Die würden den Topf nehmen, unter die Dusche stellen und erst mal kochend heißes Wasser drauf. So wollte ich es auch tun. Topf unter die Dusche, Deckel hoch, Spüli rein, kochend heißes Wasser drauf. Und innerhalb von Sekunden schäumte es im Topf, wobei der Schaum und der Schimmel eine herrliche, fast unerträglich hübsche Vereinigung eingingen. Das schimmerte und blubberte. In meinem Kopf schwubberte alles hin und her. Ich fühlte mich wie Salvador Dali. Es war ein Erlebnis, das ich so noch nie erlebt hatte und wohl auch nie wieder erleben werde. Wenn es nicht so gestunken hätte, wäre ich schnell zur Kunsthalle gerannt und hätte es denen vor die Tür gestellt.
Als der Topf voll war und überzulaufen drohte, drehte ich das Wasser ab und kippte den Inhalt ins Klo. Auf Wiedersehen. Dann war der Topf auch schon fast sauber. Nur ein besonders hartnäckiger Klumpen wollte nicht raus. Aber zum Glück hatte ich noch Spüli und den harten Strahl meiner Dusche. Schnell war auch der hartnäckige Klumpen Geschichte, beziehungsweise ein Klumpen, dessen Geschichte in der Kanalisation weitergehen sollte. Vielleicht würde sich eine Rattenfamilie ein Jahr mit ihm über Wasser halten können oder was man so sagt, wenn Ratten nicht verhungern müssen. Ich ärgerte mich etwas, denn das hätte ich auch schon vor ein paar Wochen haben können. Aber ich hatte den Topf ja vergessen.
Ich trocknete ihn ab und stellte ihn neben den Topf von Sebastian, der seit sechs Monaten erst in meiner alten, und nun in meiner neuen Wohnung herumsteht. Wir hatten zu Silvester was Aufwändiges gekocht, und das ging nur in einem Topf in der Größe von Manhatten. Jetzt stehen da also zwei blöde Töpfe, mit denen ich überhaupt rein gar nichts zu tun habe. Ich wollte Tina und Sebastian anrufen, damit die endlich mal mithelfen, meine Wohnung etwas aufgeräumter ausschauen zu lassen, da überkam mich das Gefühl dass ich doch was mit den Töpfen zu tun hatte. Schließlich aß ich aus beiden leckere Mahlzeiten. Ich schämte mich ein wenig für meinen kurzzeitigen Hass und nun stehen die beiden Töpfe nebeneinander und warten auf witzige Erlebnisse. Witzige Erlebnisse, die ich ihnen nicht bieten kann, weil ich bei der Größe meiner neuen Wohnung nur alle paar Tage mal in der Küche vorbeikomme.









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