Brohm woanders

Sacha Brohms zweites Buch (November 2012)

Sacha Brohms zweites Buch (November 2012)

Sacha Brohms erstes Buch

Sacha Brohms erstes Buch

Sacha Brohm, der Mann, den es eigentlich nicht gibt, im Gespräch mit einem Mann, der viel zu enge Hosen trägt und in der Bundesliga spielt.

Lange hat es gedauert. Die ersten Mails haben wir vor ungefähr 15 Jahren geschrieben. Nicht an uns gegenseitig, aber war da nicht immer dieser Gedanke in meinem Hinterkopf, dass er es sein könnte? Und nun ist es endlich soweit. Ich betrete das Hotelzimmer und dort sitzt ein junger Mann, der ein Geheimnis mit sich herumträgt, das im internationalen Fußball für einen Skandal sorgen würde: er ist homosexuell und anonym. Zur Begrüßung kitzeln wir uns lieb durch. Das macht Spaß und lockert die Stimmung. Auch bei ihm, obwohl er gleich wieder sehr angespannt „wirkt“. Ich lasse mir meine Lockerheit nicht nehmen, löse Krawatte und Gürtel und stelle Fragen.

Brohm: Du kommst gerade von zu Hause, wenn ich das richtig verstanden habe. Wie leben anonyme Homosexuelle im Jahr 2012?

Och, da hat sich nicht viel verändert. Ich habe ganz normale Möbel, hier und da steht auch mal ein bisschen Schnickschnack rum, so Terrakottapinguine und ein Bild von New York. Aber ich muss halt aufpassen, damit meine Mitspieler nichts merken, auch wenn die es eigentlich wissen.

Brohm: Wissen, dass du dich für Möbel interessierst?

Neiiiin, das mit dem Schwulsein, du Hirni. Das ist ja so ein offenes Geheimnis und jeder packt mal mit an, aber eigentlich ist es eher so ein…warte, ich habs mir hier aufgeschrieben, es ist viel eher ein „geheimnisvolles Offenes“. Verstehst du, ich habe das einfach so umgedreht, um meine Aussage zu unterstreichen, mit einem sprachlichen Mittel.

Ich bleibe knallhart und bohre weiter.

Brohm: Stehst du unter Druck?

Jetzt gerade?

Brohm: Nee, so immer. Wegen deinem anonymen Schwulsein.

Ja, schon, das ist schon nicht einfach, wenn man Fußball spielt und gleichzeitig überhaupt kein Interesse an den anderen Mitspielern hat. Die sind ja dann auch eher so, dass die untereinander streiten, wen von ihnen ich am besten finde bzw. fände, wenn ich theoretisch schwul wäre. Die dürfen ja auch nichts sagen, obwohl das eigentlich alle wissen, weil das ist ja ein „geheimnisvolles…“

Brohm: Jajaja, und wie ist das mit der typischen Alibifrau, die wir ja nur zu gut aus der schmutzigen Welt des Sports und des Entertainment kennen?

Ach ja, das ist die Veronika. Das ist meine Cousine aus Gera. Die hat zwar einen dicken Hintern, aber das ist mir egal. Die hilft mir auch bei den Möbeln, gerade bei den schweren. Die schiebt schon ne Tonne weg, wenn sie muss.

Plötzlich ist er wieder angespannt. Vielleicht liegt es an meiner plötzlich offenen Hose. Er tut mir einen Moment lang leid, aber dann ist es mir auch wieder egal, schließlich bin ich Journalist. Ich war nicht in Vietnam, um hier meine gefühlsduseligen fünf Minuten zu bekommen.

Brohm: Gibt es neben Veronika noch jemand anderen in deinem Leben, jemanden, mit dem dich mehr verbindet als eine fanatische Liebe zur Inneneinrichtung?

Ja, da gibt es jemanden, und ich finde, dass das ganz wichtig ist, dass ich das hier sage, auch wenn ich gerade sehr angespannt bin und das Interview gerne beenden möchte. Da ist der Jean-Luc, ein anonymer, schwuler Illusionist; der hat Tricks drauf, das glaubst du nicht.

Brohm: Er ist schwul, anonym und gleichzeitig Illusionist?

Nein, also der ist schon bekannt, aber anonym, also schwul-anonym, weil das in der Illu-Szene keiner wissen darf, obwohl das da auch so ein offenes Geheimnis ist und eigentlich fast jeder schwul ist. Ich betone: fast. Ich sage nicht: jeder. Ich sage: fast jeder.

Brohm: Natürlich.

Der kommt jedenfalls auch immer mit, wenn die Mannschaft mal was gemeinsam unternimmt. Da können wir dann aber nicht „zärtlich miteinander sein“, – so nenne ich das, wenn wir zärtlich miteinander sind -, weil das weiß ja keiner, obwohl es schon sehr viele wissen, aber der Jean-Luc, der zaubert dann so rum und alle sind ganz glücklich. Wir haben auch so eine Nummer, die wir zusammen machen, aber die dürfen wir nicht zeigen, weil die zu viel verraten würde.

Brohm: Das verstehe ich. Wer ist denn noch alles schwul?

Och, da ist der… he, stopp, jetzt hätte ich fast…

Mein natürlicher Charme haut ihn um. Ich überlege kurzzeitig, ob ich mit ihm flirten soll, um an die richtigen Geheimnisse zu kommen, schließlich interessiert doch kein Schwein, ob DER schwul ist, aber ich halte mich zurück, denn plötzlich hat er Tränen in den Augen.

Brohm: Warum hast du dich für dieses Interview entschieden?

Muss ja, ne.

Ein schönes Schlusswort. Wir ziehen mich wieder an und verlassen einzeln das Hotelzimmer, damit wir nicht miteinander gesehen werden, schließlich würde es mir schwerfallen zu erklären, was ich mit einem Fußballer zu schaffen hätte, und dann auch noch mit einem von diesem Verein.

———————

Auch ich habe es also geschafft, jemanden zum Sprechen zu bringen. Und ich hoffe, dass sich noch mehr Mutige vortrauen, um es anderen einfacher zu machen, in 200 oder 300 Jahren. Hier das Original-Interview.

3 Kommentare zu Sacha Brohm, der Mann, den es eigentlich nicht gibt, im Gespräch mit einem Mann, der viel zu enge Hosen trägt und in der Bundesliga spielt.

  • Ganz, ganz toller Enthüllungsjournalismus! :D

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