Brohm woanders

Sacha Brohms zweites Buch (November 2012)

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Sacha Brohms erstes Buch

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Popgeschichten! Heute: Eisbär von Grauzone

Als kleiner Eisbär hat er zum ersten Mal den Popsong gehört. Ganz verstört habe ihn das zurückgelassen. „Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Was hatte der da gesungen?“ Immer noch regt es ihn auf, wenn er darüber spricht. Dann merkt man, dass man es hier mit einem Raubtier zu tun hat. Einem Raubtier, das aber immer auch eine andere Seite in sich trägt. Eine sensible Seite.

Aus diesem Grund hat er den Verein „EWED – Eisbären weinen eben doch!“ gegründet. Ein Anliegen, das ihn seine gesamte Jugend lang begleitet hat: „Ich konnte das einfach nicht fassen, dass es da Menschen gibt, die meinen, dass Eisbären nie weinen müssen. Der Sänger hatte doch gar keine Ahnung. Nur weil der in seiner weinerlichen Endzeitstimmung steckte, müssen wir bis heute dieses schräge Bild zurechtrücken.“

Der Verein ist seit seiner Gründung Anlaufpunkt für viele Eisbären geworden, die sich nicht in ihr Schicksal fügen wollen. Die Generation, die Ende der 1970er Jahre geboren wurde, ist mit diesem Song aufgewachsen und hat ein vollkommen falsches Bild davon, wie man sich als Eisbär zu geben hat. Gerade die männlichen Exemplare hatten lange Zeit Probleme damit, ihre Gefühle zu zeigen. „Da steckt viel unterdrückte Wut in einer ganzen Generation von Eisbären. Die muss raus. Darum kümmere ich mich. Ich will denen zeigen, dass es ok ist, wenn man weint. Auch als Eisbär.“

Doch das Bild vom weinenden Eisbären will sich in der Gesellschaft nicht etablieren. Immer wieder kommt es zu bösen Beschimpfungen, wenn einer seinen Gefühlen freien Lauf lässt und weint. „Da hat dieser Song wirklich ein Unheil angerichtet. Das kann man ja gar nicht so leicht aufarbeiten. Solange der weiterhin im Radio läuft, wird sich das auch nicht ändern.“

Hinzu kommt, dass der Eisbär gefährdet ist. Die Bestände werden immer kleiner, der Raum, den er nutzen kann, schmilzt immer mehr zusammen. „Das ist doch pervers, dass einem in so einer Zeit die Möglichkeit genommen wird, zu weinen. Wir stehen vor einem schwierigen Problem, das unsere ganze Art bedroht. Da ist es fast schon zynisch, wenn einer singt, dass Eisbären nie weinen müssen. Entschuldigung, aber das verstehe ich nicht.“ Wieder einer dieser Momente, in denen man froh ist, dass man das Gespräch via Skype führt und sich nicht in einem Raum mit dem Eisbären befindet.

Mit den Mitgliedern seines Vereins „EWED – Eisbären weinen eben doch!“ geht er neue Wege. Auch das Internet nutzen die Mitglieder, um ihre Standpunkte darzulegen. Doch sie machen es nicht mit erhobenem Zeigefinger, „denn den haben sie leider nicht“, so der Vorsitzende des Vereins.

Und allein schon mit dieser Aussage zeigt sich: da gibt es eine Generation, die Humor und Message miteinander verbindet. Mit witzigen Aktionen versuchen ihre Protagonisten, den Menschen zu beweisen, dass weinen auch unter Eisbären eine gutgepflegte und weitverbreitete Art ist, Gefühle auszudrücken. Auf ihrer Homepage posten sie satirische Beiträge und Fotos, die sie gekonnt mit Photoshop bearbeiten.

Es wird noch lange dauern, bis die Gesellschaft sich an dieses Bild gewöhnt: weinende Eisbären. Jeder muss da mit sich selber ausmachen, ob er diesem Bild eine Chance geben möchte. Jeder muss für sich entscheiden, ob das mit ihm klargeht. Aber wir sollten uns nicht allzu viel Zeit dafür nehmen, denn die Population ist bedrohter denn je. Vielleicht haben wir in zehn Jahren keine Möglichkeit, den Eisbären zu sagen, dass sie weinen dürfen. Dann bleiben uns nur noch unsere eigenen Tränen. Bittere, salzige Tränen der Scham.

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Traurig. Aber was können wir dagegen tun? Nichts, schätze ich. Schade. Hier geht es zur Popgeschichte von Extrabreit.

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