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Sacha Brohms erstes Buch

Mein erstes Buch

Hans im Glück

Meine international vielbeachtete Interpretation des Märchens Hans im Glück. Jetzt auch für euch. Nehmt euch ein paar Stunden Zeit. Erst das Märchen lesen, dann meine Interpretation:

Der präindustrielle Zwerg im Wahn

Vielleicht bin ich der Einzige, dem so etwas auffällt, aber woher kennt eigentlich der Reiter, der bald um einen kopfgroßen Klumpen Gold reicher sein wird, Hans‘ Namen? Der kommt aus dem Nichts auf seinem Pferd angetrabt und weiß sofort seinen Namen. Könnte es sein, dass Hansens Herr, bei dem er sieben Jahre als irgendetwas gearbeitet hat, seinen Klumpen Gold wiederhaben möchte? Und um den wiederzubekommen hat er einen Bekannten losgeschickt, der Hans mal erklären soll, wie super ein bockendes Pferd sein kann? Warum fällt Hans das nicht auf? Oder ist er etwa schon sein ganzes Leben lang ein rechtes Dummerlein? Warum hat ihn sein Herr dann aber sieben Jahre bei sich behalten? Wer hält die Fäden in der Hand, in diesem mehr als verwirrenden Märchen?

Märchen verlieren nie ihre Aussagekraft. So heißt es jedenfalls. Im Märchen wird der Leser mit grundsätzlichen Problemen konfrontiert, die auch noch in vielen hundert Jahren die Menschen beschäftigen werden. Doch nur, weil ein paar Leute mit übertrieben viel Freizeit das immer wieder behaupten, muss das doch nicht unbedingt stimmen. Oder doch? Wie kann man ein Märchen, dessen Wurzeln in dunkler Zeit liegen, auch heute noch lesen, um etwas Lehrreiches daraus mitzunehmen? Wie aktuell sind die Erlebnisse von Hans?

Wir erfahren nicht viel über Hans. Er hat sieben Jahre lang gearbeitet. Als was, das erfahren wir nicht. Es wird keine Arbeit gewesen sein, in der er mit Tieren zu tun hatte, denn sein Wissen um Tiere ist nicht gerade überzeugend. Dann vielleicht was Handwerkliches oder eine körperliche Arbeit? Nein, das kommt auch nicht in Frage, wenn wir uns mal daran erinnern, wie er sich von dem Handwerker hat reinlegen lassen. Und dann noch das Gejammer über den schweren Klumpen Gold. Nein, das kann Hans nun wirklich nicht sieben Jahre überlebt haben. Dann vielleicht ein Beruf, in dem es um Logik oder gar Finanzen geht? Auch das scheint nicht wahrscheinlich, wenn wir uns mal das Ende des Märchens anschauen. Jede Bank wird ihn nach wenigen Minuten entlassen, wenn die Mitarbeiter dort erst einmal mitbekommen, was für ein fragwürdiges Verhältnis Hans zu Reichtum hat. Was also war seine Arbeit? Es gibt keine Hinweise auf berufstypische Kleidung. Die einzige Angabe ist, dass er sich an seinen „Herrn“ wendet. Und der hat kopfgroße Klumpen Gold herumliegen. Möglicherweise handelt es sich bei den beiden um Zwerge, die Goldklumpen aus tiefen Höhlen holen. Dann hätten sie allerdings auch kleine Köpfe, was aus dem Klumpen Gold in Kopfgröße einen Klumpen Gold in Keksgröße machen würde. Für Normalköpfige jedenfalls. Es bleibt also im Dunkeln, was Hans sieben Jahre gearbeitet hat.

Überraschend ist, dass es dem Herrn nichts ausmacht, Hans ziehen zu lassen. Keine Träne verliert er. Die Botschaft ist klar: Hans ist ersetzbar. Doch er hinterfragt es nicht. Aus einem nicht erkennbaren Grund ist er plötzlich vollkommen auf seine Mutter fixiert. Hört sich nach einem klassischen Märchenschicksal an. Da passieren solche Sachen am laufenden Band. Im Grunde sind Märchen frühe Formen von Fernsehformaten wie „Lost“ oder „Sex and the City“. Nur ohne Sex und City. Es kann theoretisch alles passieren, wie gesagt, alles außer Sex und City. City ist im Märchen meistens ein Dorf oder der geschlossene Kosmos eines Schlosses und Sex versteckt sich hinter bizarren Figurenkonstellationen, deren Teilnehmer sich mal mehr, dann mal weniger mögen. Unsichtbarer Sex also. Und „Hans im Glück“ kann durchaus als Blaupause für die verwirrenden Handlungsstränge von „Lost“ herangezogen werden.

Verfolgen wir den Weg, den Hans zurücklegt, um zu seiner Mutter zu gelangen. Viel erfahren wir auch über seine Mutter nicht. Und vor allem erfahren wir nichts über seinen Vater. Wo ist er nur? Die einzige Vaterfigur, die uns begegnet, ist der Herr, der Hans gehen lässt. Das hinterlässt Spuren. Auch wenn Hans sie sich nicht eingestehen will. Ist es da sonderbar, dass er auf dem Weg zur Mutter unentwegt auf Männer trifft, die ihn übers Ohr hauen? Wie anfangs erwähnt, scheint der Herr eine bisweilen merkwürdige Rolle zu spielen. Es scheint als konnte Hans in sieben Jahren keine wirkliche Beziehung zu ihm aufbauen. Wahrscheinlich hat ihn seine Mutter schon mit fünf Jahren zum Herrn geschickt, denn früher war das so. Nix da mit Schule, Rumhängen und süßen Jungs hinterherpfeifen. Da musste gearbeitet werden. Wie aber bekannt ist, haben Jungen mit fünf Jahren bereits eine Phase abgeschlossen, nach der sie sich auf keine neue Vaterfigur mehr einlassen können.

Die sieben Jahre Arbeit sind für Hans also von einer besonderen Kälte geprägt, ja, von einer ausgesprochen schmerzenden Distanz zwischen ihm und seinem Herrn. Dieser Distanz begegnet Hans mit vollkommener Unterwerfung. Er macht alles, damit sein Herr zufrieden ist. Und er ist es auf eine ausbeutende Art und Weise. Aus diesem Grund ist es für die Burschen, denen Hans auf seinem Heimweg begegnet so einfach, Hans zu betrügen. Es ist fast so, als fordere Hans die Betrügereien heraus. Das kann man als „keckes“ Ballastabwerfen verstehen, von wegen: „Ich tausche mal alles, was ich so habe gegen immer kleinere Sachen ein, damit ich zu Mutti kommen kann, mit nichts als dem, was ich am Leibe trage. Das findet sie nach sieben Jahren sicherlich lässig.“ Man kann es aber auch als den Versuch lesen, die Zuwendung eines Mannes zu erreichen, indem man dafür teuer bezahlt.

Was sind das nun für Typen, denen Hans begegnet? Da ist zuerst der Reiter. Ich hatte anfangs schon erwähnt, dass ich es sehr sonderbar finde, dass er Hans‘ Namen kennt. Vielleicht ist das eines der stilistischen Mittel, die ein Märchen ausmachen, dass da einfach alle irgendwie die Namen von allen kennen. Auch oder gerade weil sie sich überhaupt nicht kennen. So lautet jedenfalls die von Peter Czudik entwickelte „Theorie des Kennen-Kennens“ in den Märchensammlungen der Gebrüder Grimm, mit der er Anfang der 1980er Jahre nicht nur in seiner Wahlheimat Belgien großes Aufsehen erregte. Meine Theorie habe ich schon grob skizziert: Der Reiter ist ein vom Herrn geschickter Hallodri, der den Klumpen Gold wiederholen soll, was auch super klappt, denn Hans ist erkennbar dumm und auf der Suche nach männlichem Zuspruch. Nicht auszuschließen ist, dass nun auch der Bursche mit der Kuh ein Bekannter von dem Burschen mit dem Pferd ist. Und dass der Schweinebursche wiederum mit dem Kuhburschen bekannt ist, sodass sich bis zum Ende eine Kette ergibt, an der sich Hans abarbeitet. Am Ende bekommen alle das zurück, was sie eingetauscht haben. Nur Hans nicht.

Kommen wir noch einmal auf die Sichtweise zurück, nach der Hans ein Zwerg ist. Ich hatte sie ja anfangs bereits einmal kurz angesprochen. Es ist eine wenig beachtete Theorie, die ähnlich wie die von Peter Czudik entwickelte Theorie, selten herangezogen wird, um die Märchen der Gebrüder Grimm zu analysieren. Dabei lässt sie doch Analysen zu, die gerade bei Geschichten wie „Das Lumpengesindel“, „Strohhalm, Kohle und Bohne“ und „Schneewittchen“ zu bemerkenswert überzeugenden Schlussfolgerungen führen. Wie auch bei „Hans im Glück“. Dass die Tiere, die Hans sich eintauscht immer kleiner werden, spricht nämlich dafür, dass er ein für seine Körpergröße geeignetes Transportmittel sucht, um noch schneller zu seiner Mutter zu gelangen. Das Pferd ist zu groß, die Kuh auch, das Schwein immer noch und was im Märchen nur bruchstückhaft rüberkommt ist, dass Hans eine Gänsefederallergie hat. Daher auch seine halluzinatorischen Monologe über das Schlafen auf Gänsefedern, die wiederum vermischt sind mit der bevorstehenden Freude der Mutter. Hans ist ganz aufgelöst. Seine Allergie und seine Zwergenhaftigkeit machen ihn zu einem Außenseiter in einer Gesellschaft, in der ihm jeder Mann als Betrüger auflauert. Es ist nicht der Sieg über die Ängste und die unterdrückten Wünsche, die Hans am Ende die Augen feucht machen, es sind der nahende Wahnsinn und die Gänsefedern.

In einer früheren Version des Märchens ist der letzte Satz etwas länger und unterstreicht diese Schlussfolgerung, dass Hans nämlich dem Wahnsinn verfällt. Die Gebrüder Grimm haben diesen Satz bewusst gekürzt, um die Botschaft der Geschichte – so wie sie es in vielen anderen Märchen auch getan haben – anders zu gestalten. In dieser früheren Version lautet der letzte Satz noch: „Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war, die schon seit vielen Jahren auf dem Kirchhof beerdigt war.“ Hier manifestiert sich der Gemütszustand von Hans ganz deutlich. Hans ist ein seltsamer Kauz, der es drauf anlegt, ausgebeutet zu werden. Aufgewachsen als Vollwaise in einer Welt, in der es nur um Arbeit und Ausbeutung geht. Hans ist der Prototyp der geschundenen Kreatur Mensch in einer auf die Industrialisierung zusteuernden Gesellschaft.

Was kann nun der moderne Leser aus dieser Geschichte mitnehmen? Sie ist aktuell. Sie ist erschreckend aktuell. Ein Teenager schmeißt seinen Job und seine Vaterfigur hin und will ohne weitere Begründung zu seiner Mutter. Die sieben Jahre stehen sinnbildlich für eine Woche. Die durchschnittliche Dauer einer heutigen Ausbildung, bevor der Auszubildende aufgibt. Der Teenager ist nachweislich dumm, deshalb wird er auf dem Heimweg ständig übers Ohr gehauen. Diese Angaben sprechen für sich und sind toppaktuell, wenn man aus dem Schwein einen Handyvertrag macht. Am Ende hat er gar nichts mehr, nur das gute Gefühl, ohne Last zu sein.

Die Moral: Mensch Leute, beschwert euch doch nicht die ganze Zeit. Habt ein gutes Gefühl, wenn euch demnächst ein paar finanzielle Mittel gestrichen werden. Seid froh darüber, denn letztendlich ist Geld doch nur Last. Wichtig ist, dass ihr fröhlich seid. So fröhlich wie Hans. Die positive Botschaft dieses Märchen sollte Pflichtlektüre auf allen Arbeitsämtern der Welt sein. Die Leute werden sicher verstehen, was ihnen damit gesagt werden soll.

Abschließend werfen wir noch einen Blick auf das Schicksal des Mannes, der am Anfang den Klumpen Gold von Hans eingetauscht hat. Was mag mit ihm geschehen sein? Die Gebrüder Grimm haben auch aus dieser Geschichte ein Märchen gemacht, das bisher allerdings noch nicht veröffentlicht wurde: Der Reiter mit dem Klumpen Gold kaufte sich eine Druckmaschine, mit der er seitdem Geld für den König druckt. Er wurde ein reicher Mann und heiratete ganz nebenbei die Mutter von Hans. Als nun Hans heimkehrte und der Mutter seine Fröhlichkeit zeigen wollte, wurde er vom neuen Vater aus dem Haus gescheucht. So zog dieser weiter und bot seine Dienste an aber niemand wusste so recht, was er da eigentlich anbot, denn er hatte kein Dokument über seine Ausbildung. So gewann der Mann mit dem Pferd doppelt. „So glücklich wie ich“, rief er aus, „gibt es keinen Menschen unter der Sonne!“

2 Kommentare zu Hans im Glück

  • Günther Keim

    Ich finde diese Interpretation albern und peinlich. Wer solche Texte wie die Grimmschen Märchen oder – wie in einem der Videos auf dieser Seite – Wundergeschichten aus dem Evangelium nicht als spirituelle Metaphern begreifen kann, ist ein armer Wicht, ist ein Blinder, der sich lustig macht über das Entzücken der Sehenden beim Anblick eines Regenbogens.

  • danke für ihren lieben kommentar. viel spaß noch auf meiner homepage. liebe grüße nach konstanz!

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